Ernstfall Integration – Lösungen und Perspektiven in Brandenburg

KHS

Im brandenburgischen Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf leben hunderte Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften. Viele von ihnen haben inzwischen ihre Asylberechtigung erhalten. Wie kann Integration ganz konkret vor Ort gelingen? In der Region gibt es viele engagierte Anwohner und ehrenamtliche Helfer. Gemeinsam mit Entscheidungsträgern aus der Politik, Gemeinde und Wirtschaft wurde in Kleinmachnow diskutiert, welche Chancen, Probleme es gibt und wie man die Integration konkret verbessern könnte. Beteiligt waren: Reiner Gerdes, ehrenamtlicher Helfer, Michael Grubert (SPD), Bürgermeister von Kleinmachnow, Dr. Thomas Kaminsky, Koordinator des Übergangwohnheims Stahnsdorf, Jan Syré, Vorsitzender des Liberalen Mittelstands Brandenburg, Marion Welsch, Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit Ev. Kirchengemeinde Kleinmachnow sowie Maxim Garbusow mit der Sambagruppe „Bateria DA Surpresa“ der Kreismusikschule Potsdam Mittelmark „Engelbert Humperdinck“. Wir haben einige Stimmen aus der Diskussion eingefangen.

 

Was läuft gut in Kleinmachnow?

KHS

Michael Grubert: Wir haben eine sehr engagierte Bevölkerung und viele Projekte, die direkt von den Bürgern kommen, wie das Patenschaftsprojekt, Unterstützung bei der Kleiderkammer „Schatztruhe“ und bei der Fahrradwerkstatt. Das bürgerschaftliche Engagement ist super und das ist das, was wir weitertragen wollen, um die Flüchtlinge weiter zu integrieren.

Welche Maßnahmen haben im Moment Priorität für Unterbringung und Integration?
Michael Grubert: Unterbringung und Integration ist in Kleinmachnow nicht ganz das Problem, da wir im Moment kein Flüchtlingswohnheim haben. Was wir uns aber auf die Fahne schreiben, ist über unsere Wohnungsgesellschaft Wohnungen anzubieten, um Flüchtlinge, die den Aufenthaltsstatus haben, hier unterzubringen.  Wir haben dort in unserm Aufsichtsrat einige Entscheidungen getroffen und auch schon eine zweistellige Anzahl an Flüchtlings-Wohnungen zur Verfügung gestellt. Das ist ein ganz wichtiger Teil, den wir machen und der zweite Teil den ich für die Zukunft anschieben will  ist ein Netzwerk, wo wir gemeinnützige Arbeit für Flüchtlinge als Einstieg in das Berufsleben organisieren wollen.

 

Welchen Beitrag kann ein Freizeitengagement, wie z.B. in Ihrer Sambagruppe „Bateria DA Surpresa“, für die Integration von Geflüchteten leisten?

KHS

Maxim Garbusow: In meiner Sambagruppe haben wir schon seit einem Jahr Flüchtlinge aus Teltow, die bei uns mittrommeln, mit zu den Proben kommen und auch mit auftreten. Es ist sowohl für uns als auch für die Flüchtlinge eine gute Erfahrung. Die Vorteile sehe ich in der Sprachpraxis, im sozialen Umgang mit den Gruppenmitgliedern sodass sich oft Gruppenmitglieder untereinander helfen und es auch zu Kontakten außerhalb der Sambagruppe kommt. Durch die Auftritte mit der Sambagruppe haben sie die Möglichkeit sich positiv darzustellen und insgesamt positive Signale zu setzen.

Wo werden Helfer am nötigsten gebraucht?
Maxim Garbusow: In meinem Freundes- und Familienkreis versuchen wir uns so viel wie möglich zu engagieren. Durch Lesen im Flüchtlingsheim für Kinder oder mit der Sambagruppe können wir einen Beitrag leisten. Was ich mir wünschen würde, dass es von Regierungsseite aus besser organisiert und dass die finanziellen Mittel besser koordiniert werden. Mein Eindruck ist, dass es bereits vor Ort schon viele ehrenamtliche Helfer gibt.

 

Welche Maßnahmen sind nun wichtig aus Unternehmersicht?

KHS

Jan Syré: Dringend erforderlich ist eine schnellere Kompetenzfeststellung, unbürokratischere Anerkennung von Abschlüssen und die Möglichkeit für Nachqualifikationen mit verkürzten Ausbildungszeiten. Denn Arbeit und der eigene Beitrag zum Lebensunterhalt sind der beste Integrationsmotor für die zu uns geflüchteten Menschen. Können sie am Erwerbsleben teilnehmen, entlastet das unsere Sozialsysteme und gibt den Menschen Freiheit zurück. Als Anreiz für die Unternehmen, insbesondere die kleinen und mittelständischen, fordere ich für die ersten sechs Monate eine Aussetzung des Mindestlohns für Asylbewerber und -berechtigte, sodass die Refugees diesbezüglich wie Langzeitarbeitslose behandelt werden.

Wie sind Ihre Erfahrungen aus Ihrem persönlichen Engagement für Flüchtlinge?
Jan Syré:  Meine Familie und ich haben Menschen kennengelernt, die nach einer abenteuerlichen Flucht aus den Kriegsgebieten froh waren, bei uns in Deutschland in Sicherheit zu sein. Die hier jetzt ihre Chancen nutzen wollen, um auf eigenen Füßen zu stehen und sich in unsere Gesellschaft einzubringen. Die Refugees, die wir begleiten, haben zudem unser Leben enorm bereichert, indem sie uns Einblick geben in ihre Kultur – damit meine ich nicht nur das arabische Essen – und uns eine Brücke bauen in einen Kulturraum, der bei uns bisher so nicht im Fokus stand.

Moderator Heiko Krause nahm die Diskussion zum Anlass, neben dem überaus positiven Engagement in Kleinmachnow vieles in Deutschland nochmal zu hinterfragen: Bürokratie, Zuständigkeiten, Formalismus oder Organisationwut. Man solle darüber nachdenken, wie man auch unabhängig von der Flüchtlingsthematik damit umgeht, um hier auszumisten. Manche Dinge könne man pragmatischer lösen, ohne immer gleich Formulare auszufüllen zu müssen – indem man menschlich agiere und einfach hilft.

Die Veranstaltung fand am in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit statt.