Wie das Gift seine Macht entfaltet

Christoph Giesa liest aus "Gefährliche Bürger"
Nachricht19.04.2017
Moderatorin Viktoria Bittmann und Autor Christoph Giesa
Moderatorin Viktoria Bittmann und Autor Christoph GiesaKarl-Hamann-Stiftung

Ist das, was lange ganz rechts außen gärte, in der Mitte angekommen und sogar salonfähig geworden? Diese Frage stellt sich der bekannte Publizist, Blogger und Querdenker Christoph Giesa in seinem Buch "Gefährliche Bürger", aus dem er auf Einladung der Stiftung für die Freiheit in Potsdam las. Viktoria Bittmann, Chefredakteurin von politik&kommunikation, moderierte die Veranstaltung. 

Das Konzept für Christoph Giesas Buch stand bereits 2014. Mit den aktuellen Erfolgen von AfD, Pegida & Co. ist es heute jedoch aktueller als je zuvor. Der bekannte Publizist stellt in "Gefährliche Bürger" eine Tendenz fest, die Anlass zur Sorge gibt: Die Mitte der Gesellschaft, die eigentlich die Mehrheit der Bürger umfassen sollte, hat sich in Teilen von einem Grundkonsens entfernt, nämlich in der Akzeptanz von Demokratie und Menschenrechten, sozialer Marktwischaft und internationaler Einbindung, Respekt und Toleranz. Giesa stellt klar, dass die Begründungen solcher Tendenzen - "Islamisierung des Abendlandes", "Einschränkung der Meinungsfreiheit" oder "Bevormundung duch linksgrünen Mainstream" nichts weiter als Nebelkerzen und Schutzbehauptungen sind. In Wahrheit sieht er den "Hass am Ruder".

Wie das Gift seine Macht entfaltet...

Im Kapitel "Wie das Gift seine Macht entfaltet" lässt der Titel schon weit blicken: Giesa zeigt darin, wie aktuelle Aufreger-Themen gekapert und mit Lieblingsfeindbildern und szenetypischen Kampfbegriffen verknüpft werden. Als Plattform für solche Agitation werden bevorzugt die bequem und anonym nutzbaren sozialen Netzwerke genutzt. Wie die Öffentlichkeit von Manipulatoren für dumm verkauft wird - darin sieht Giesa Ähnlichkeiten zu den Strategien von Sektenführern. So wie von diesen als "säkular" angesehene Literatur verpöhnt wird, stellt die Neue Rechte die etablierten Medien als unglaubwürdig hin und verweist darauf, dass die Wahrheit in alternativen Medien zu finden sei. Wer dem Glauben schenkt, "geht ganz schnell gefährlichen Manipulatoren auf den Leim. Und genau das ist deren Plan", so Giesa.

...und wie ein Gegengift wirken kann.

Was also tun im Sinne einer offenen Gesellschaft? Giesa plädiert dafür, sich die Mühe zu machen, Irrtümer aufzuklären und Falschinformationen zu berücksichtigen. Er nennt dafür auch einige konkrete Themenbereiche, bei denen wirklich noch inhaltlich argumentiert werden kann und nicht Ressentiments und sonstige Emotionen alles überlagern. Besonders absurd nennt er den Versuch, das liberale westliche Gesellschaftsmodell über einen Umweg zu diskreditieren, indem das Symbol für den westlichen Lebensstil - die USA - demontiert und gleichzeitig das Symbol für den autoritären Ansatz - Putins Russland - zum Hort der Freiheit stilisiert wird.

In der Diskussion kam heraus, dass die Wahl von Trump die Menschen durchaus zum Nachdenken angeregt hat. Nach der Wahl ist die Anzahl von Google-Suchen nach politischen Themen gerade von jungen Leuten stark gestiegen. Es scheint einen inneren Richtungswechsel zu geben, bei dem den Menschen in Deutschland bewusst wird, wohin populistische Versprechen führen kann. 

Die Zukunft der offenen Gesellschaft

Die Lesung in Potsdam bildete den Auftakt einer Reihe in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam, in der die Stiftung für die Freiheit mit bekannten Publizisten zur Zukunft der offenen und freien Gesellschaft ins Gespräch kommen will. Wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist, betont auch Linda Teuteberg, Vorstandsmitglied von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. und Mitglied des Bundesvorstands der FDP in ihrem Grußwort. Sie sieht das Erstarken rechter Bewegungen trotz einiger positiver Signale mit großer Sorge: "Die Wahlergebnisse aus Holland und zuvor Österreich sind zwar ein positives Signal für die Demokratie, doch es wäre verfrüht, vom Ende einer Tendenz zu sprechen, die nach wie vor die offene Gesellschaft in Europa herausfordert." Daher fordert sie alle Anwesenden auf, sich für die Demokratie einzusetzen. Dabei ist es jedoch der falsche Weg, einzelne Parteien und Politiker zu diffamieren: "Das schadet der Demokratie. Eine Diffamierung hat nichts mit einer kritischen Auseinandersetzung nach demokratischen Regelen zu tun."